Ausbildung bei LUEG
Eine Geschichte von Wandel und Konstanten
Ein kleines Kunstwerk aus dem Jahr 1928: Das Facharbeiterprüfungszeugnis von Hermann Elspermann, das die IHK Mittleres Ruhrgebiet dem 19-jährigen Bochumer für seine Ausbildung zum Karosserieschlosser bei LUEG ausstellte. Der Fund aus dem IHK-Archiv zeigt eindrucksvoll, wie sich die Ausbildung in 150 Jahren verändert hat – und was gleichgeblieben ist.
Um markante Unterschiede in der Ausbildung zu finden, müssen wir aber nicht bis in die 1920er-Jahre zurückgehen – es reicht auch schon ein Blick in die Lehrzeit von Fachkräften, die seit vielen Jahren bei LUEG arbeiten. So begann die technische Ausbildung in den 1970er-Jahren noch mit einem praktischen Test, der sogenannten „Drahtbiegeprobe“. „Wir mussten zeigen, dass wir die Grundlagen beherrschen, um ein Gefühl für unsere Arbeit zu bekommen“, erinnert sich ein heutiger Kraftfahrzeugmechaniker an seine Ausbildungszeit. Damals drückten Auszubildende zunächst die Werkbank, bevor sie ihren zukünftigen Betrieb überhaupt von innen sahen: Drei Monate lang Schweißen, Schleifen, Sägen und Bohren – kein Zuckerschlecken, aber enorm wertvoll, um Material, Werkzeuge und Abläufe wirklich zu verstehen. Einen kaputten Auspuff warf niemand weg, er wurde wieder zusammengeschweißt.
Geschichte zum Anfassen: Das „Facharbeiterzeugnis“ mit seinen bunten Illustrationen gibt einen Blick in die lange Ausbildungstradition bei LUEG.
Heute beginnt der Weg in die Ausbildung ganz anders: Sowohl für technische als auch kaufmännische Berufe steht am Anfang ein Online-Einstellungstest, der Allgemeinwissen abfragt und in technischen Berufen auch elektrisches Grundverständnis testet. Danach folgt die Einladung zum Assessment Center, hier wird in einer Gruppenübung das Verhalten im Team getestet und anschließend geht’s zum klassischen Vorstellungsgespräch.
Vor dem Test steht aber noch die Bewerbung – und hier zeigt sich, wie begehrt die Ausbildung im Unternehmen ist. In NRW erhält LUEG jährlich mehrere hundert Bewerbungen auf die Ausbildungsplätze. Besonders hoch ist die Bewerberzahl für das kommende Ausbildungsjahr 2026: Mit mehr als 2.000 Anfragen verzeichnet LUEG einen neuen Bewerber-Boom – und knackt damit den Rekord, der erst vor zwei Jahren aufgestellt wurde.
Fehlersuche: Früher Sinne, heute smarte Diagnosen
Wenn Bewerbung und Einstellungstest hinter den angehenden Fachkräften liegen, starten technische Azubis in der Werkstatt – und auch hier werden Unterschiede zu früher deutlich. Was sicher schon in den Zeiten von Hermann Elspermann üblich war, war auch noch später Gang und Gebe: erstmal mit den Sinnen arbeiten. „Höre ich ein auffälliges Geräusch? Rieche ich auslaufende Flüssigkeiten? Fühle ich ein lockeres Teil?“ Erst nach dieser Spurensuche kamen einfache Prüfgeräte wie Prüflampen oder Steuergeräte mit Blinkcodes zum Einsatz. Heute sind Diagnosegeräte Standard – aber sie nehmen niemandem das Denken ab. „Von 100 möglichen Fehlern, die das Gerät anzeigt, geben rund 80 nur eine Richtung vor“, erklärt ein Auszubildender. Gleichzeitig dazu haben sich die Ansprüche der Kunden verändert: Viele jüngere Kunden wollen vor allem wissen, was die Reparatur kostet und wann sie wieder mobil sind, und nicht, was das grundlegende Problem war. Auch sind die Erwartungen parallel zur Technologie gewachsen: „Die Kunden glauben, dass wir mit unseren Geräten den Fehler sofort finden und auch direkt eine Lösung parat haben.“
Tasten, riechen, hören: Bevor die ersten Prüfgeräte zum Einsatz kamen, vertraute man auf seine Sinne. So mögen auch Hermann Elspermann und seine Kollegen bei ihrer Arbeit um 1920 vorgegangen sein.
Doch mit modernen Fahrzeugsystemen sind Fehlersuche und Reparatur komplexer geworden: Eine Windschutzscheibe lässt sich nicht mehr einfach ausbauen und wieder einsetzen. Die verbauten Radar‑, Licht‑ und Regensensoren sowie Kameras müssen nach dem Austausch aufwendig kalibriert werden. Durch immer mehr Elektro‑ und Hybridfahrzeuge ist zudem eine Hochvoltsensibilisierung Pflicht – bereits für Auszubildende. Aus den einstig getrennten Berufen „Kfz-Mechaniker“ und „Kfz-Elektroniker“ wurde der „Kfz-Mechatroniker“ mit stetig steigenden Anforderungen.
Von der Rohrpost zum iPad
Auf der kaufmännischen Seite zeigt die Geschichte noch eine ganz andere Dimension: die von streng getrennten Rollenbildern. Denn damals erlernten nur weibliche Azubis den Beruf der „Bürokauffrau“. Der Automobilkaufmann war lange kein staatlich anerkannter Ausbildungsberuf. Das änderte sich erst 1998 mit einer Verordnung, die das bestehende Berufsbildungsgesetz ergänzte.
Anders war auch die Arbeitsweise: Selbst in den Werkstätten kannte man sie, die guten alten Ordner, in denen man Fehler nachschlagen musste, oder das Klappern von Schreibmaschinen. Kundendaten mal schnell im System nachschauen? Dafür gab’s früher nur Karteikarten im Kasten. Und das Ausbildungsgehalt wurde in einer Papiertüte überreicht. Mittlerweile hat aber nicht nur die „Lohntüte“ ausgedient: Schon ab dem ersten Tag arbeiten Auszubildende mit modernen iPads, sowohl in der Berufsschule als auch im Betrieb. E-Learningplattformen unterstützen sie beim Lernen von zuhause und statt in ein und demselben Betrieb zu verweilen, wechseln Azubis alle drei Monate den Einsatzort – sogar in die Werkstatt geht’s für eine Zeit. „Das Stammcenter bleibt die ‚home base‘, doch so bauen sie sich auch darüber hinaus ein starkes Netzwerk auf“, erklärt Lara Schauer, Ausbildungsverantwortliche bei LUEG. „Gemeinsam kommen wir schließlich zum Ziel – und das vermitteln wir von Anfang an.“
Ausbildung auf Augenhöhe – damals wie heute
„Gemeinsam kommen wir zum Ziel“: ein Leitspruch, der auch schon 1928 zu LUEG gepasst hätte. Denn Werte wie Leistung, Anerkennung, Ordnung und Zusammenhalt überschreiten die Jahrzehnte. Anders ist vor allem der Umgang mit Azubis: „Azubis sind bei uns direkt Teil des Unternehmens. Sie sollen viele Leute kennenlernen – fachlich wie persönlich. Das gegenseitige Vertrauen zwischen den Auszubildenden und uns ist von entscheidender Bedeutung. Deswegen nehmen wir uns gerne Zeit, wenn die Azubis Redebedarf haben – und das für jeden einzelnen unserer 135 Azubis.“ Vertrauen bedeutet auch Verantwortung: So bekommen Azubis schon früh die Chance, jüngere Jahrgänge anzuleiten. „In unserer Akademie vermitteln wir daher Anfang an Schlüsselkompetenzen, die über Fachwissen hinaus gehen und die Azubis in ihrer Entwicklung fördern. Das sind beispielweise politische Urteilsfähigkeit, Selbstbewusstsein und praktische Skills wie Kommunikations- und Konfliktfähigkeit.“
Investition in die Zukunft
Das Vertrauen in die angehenden Fachkräfte spüren selbst Außenstehende: In Nachwuchskampagnen im Stil von Hollywood-Actionhits und dem in Eigenregie bespielten TikTok-Kanal „lueg_youngstars“ präsentieren sich reale Auszubildende als Gesichter von LUEG. „Die Ausbildung junger Menschen ist seit jeher fest in unserer Unternehmensphilosophie verankert“, erklärt Stefan Jansen, Vorstandsmitglied von LUEG. „Bereits seit Jahrzehnten investieren wir regelmäßig in eine fachlich hochwertige, abwechslungsreiche und attraktive Ausbildung – etwa mit der eigenen Lehrwerkstatt oder unserer Kooperation mit den Entsorgungsbetrieben Essen (ebe). Indem wir Fachkräfte ausbilden, investieren wir nicht nur in die Zukunft des Unternehmens, sondern auch in die persönliche Zukunft dieser Menschen. Damit leisten wir einen wichtigen sozialen wie gesellschaftlichen Beitrag – und das bereits seit über 150 Jahren.“
Im Kern gleich
Das Vorgehen in der Werkstatt, Ansprüche von Kunden, neue Technologien und Berufsbilder: Was sich seit der Ausbildung von Hermann Elspermann geändert hat, füllt viele Seiten. Selbst sein Zeugnis ist optisch nicht mehr mit den Urkunden zu vergleichen, die Azubis heute überreicht bekommen. Doch viel wichtiger ist das, was geblieben ist: jungen Menschen eine Perspektive geben und ihre Talente fördern. Das ist der Kern von Ausbildung – und das, was immer gleich sein sollte. Und gerade das macht dieses Fundstück von 1928 so wertvoll.